„Die leisen Mächte sind die eigentlich starken“

Etwa eine Viertelstunde hatte der Priester in der Weihnachtsmesse gepredigt. Mit ruhiger, fast monotoner Stimme hatte er in Erinnerung gerufen, was vor über 2000 Jahren passiert war, hatte beschrieben, wie unvorstellbar die Geburt Jesu Christi für die Beteiligten damals zunächst gewesen sein muss und wie unspektakulär sie dann – nach einigen Hindernissen – vonstattenging. Er endete mit diesem einen Satz: „Die leisen Mächte sind die eigentlich starken.“

Die Predigt war zu Ende, der Satz aber hallte nach. Die leisen Mächte? Der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Ich suchte nach der Passage, in der der italienische Religionsphilosoph Romano Guardini diesen Satz geprägt hatte: „In der Stille geschehen die großen Dinge. Nicht im Lärm und Aufwand der äußeren Ereignisse, sondern in der Klarheit des inneren Sehens, in der leisen Bewegung des Entscheidens, im verborgenen Opfern und Überwinden.“ Und dann: „Die leisen Mächte sind die eigentlich starken.“

Und ich fragte mich: Warum lässt mich diese Formulierung seither nicht mehr los? Wahrscheinlich, weil sie so gut auf den Begriff bringt, was ich im ersten Corona-Jahr erlebt habe: Inmitten der turbulenten Ereignisse und kritischen Situationen, inmitten der riskanten Entscheidungen, die ich treffen musste, hatte ich stets das Gefühl, festen Grund unter mir zu spüren. Je größer das Tohuwabohu und die Ungewissheit über die Zukunft wurde, desto stärker fühlte ich, dass ich auf das zurückgeworfen wurde, was mich im Innersten leitet: meine Werte. Mein Grundvertrauen. Und die Stille.

Denn was mir aber erst jetzt, in der Reflexion über das vergangene Jahr, bewusst wurde, war, dass sämtliche wichtigen Entscheidungen, ob beruflich oder privat, tief nachts fielen, um halb zwei Uhr oder auch später. Auf jeden Fall aber in aller Stille und in großer Distanz zu den lauten Panikmachern und wirren „Querdenkern“, zu den Besserwissern und Aktionisten. Die leisen Mächte sind die eigentlich starken.

Kurz vor Silvester hielt ich einen Glückskeks in der Hand. Ich zerriss die Verpackung, zerbrach das Gebäck, zog den Papierstreifen heraus und musste lächeln, als ich las, was meine Zukunft 2021 angeblich für mich bereithält: „Das wird ein turbulentes Jahr.“

Tagsüber.

Veröffentlicht in MBO

2 Kommentare zu „„Die leisen Mächte sind die eigentlich starken“

  1. Wunderbar, lieber Nikolaus, genau so ist es. Perfekt beschrieben. Wie heißt es doch so schön: „Operative Hektik ist ein untrügliches Zeichen geistiger Windstille“. Auf ein turbulentes Jahr. Tagsüber.

  2. Danke, Nikolaus! Ist mir aus der Seele gesprochen. Wünsche sinnstiftende, stille Momente. Auch tagsüber!

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